Fragestellungen der Studie:
Rezension zur Studie
Scherzinger, M., Roth, B. & Wettstein, A. (2021). Pädagogische Interaktionen als Grundbaustein der Lehrperson-Schüler*innen-Beziehung. Die Erfassung mit State Space Grids. Unterrichtswissenschaft, 49, 303–324.FIS BildungDie Qualität der Beziehung zwischen Lehrkräften und ihren Schülerinnen und Schülern (SuS) gilt als wichtige Grundlage für Lehr-Lern-Prozesse und kann sich positiv auf Lernmotivation und Lernleistungen auswirken. Doch wie hängt die Qualität der Lehrkraft-SuS-Beziehung mit den Interaktionen im Unterricht zusammen?
Scherzinger, Roth und Wettstein analysierten hierzu 16 videografierte Unterrichtsstunden von 8 Klassen der 5. und 6. Jahrgangsstufe aus dem Kanton Bern. Sie befragten die beteiligten 16 Lehrkräfte und 126 Schülerinnen und Schüler per Fragebogen zur Qualität der Lehrkraft-SuS-Beziehung. Die Videos wurden mit State Space Grids ausgewertet. Dazu wurde das Verhalten zunächst hinsichtlich der beiden Dimensionen „Streben nach Einfluss und Kontrolle“ (Agency) sowie „menschliche Wärme“ (Communion) auf einer 5-stufigen Skala separat für Lehrkräfte und SuS eingeschätzt. Anschließend wurden die Werte der Lehrkraft und ihrer SuS kombiniert und dadurch die Interaktionen dimensionsweise ermittelt, beispielsweise hohe Agency (4) der Lehrkraft bei gleichzeitig mittlerer Agency (3) der SuS. Auf dieser Grundlage lassen sich die prozentualen Häufigkeiten der aufgetretenen Interaktionsarten und Kennwerte für ihre Variation im Unterrichtsverlauf berechnen. Zudem wurde untersucht, inwiefern die zuvor erfragten Einschätzungen zur Qualität der Lehrkraft-SuS-Beziehung (LS-Beziehung) mit den Interaktionsarten und ihrer Variation korrelieren.
Im beobachteten Unterricht überwiegen, wie in anderen Studien, Interaktionen mit mittleren (3) bis hohen (4) Ausprägungen von Agency (70 %) und Communion (75 %). Der Anteil an Interaktionen mit auffällig hohen Agency- oder niedrigen Communion-Ausprägungen betrifft meist die SuS (jeweils ca. 20 %), jedoch kaum die Lehrkräfte (2 % bzw. 4 %). Wenn die SuS die LS-Beziehung positiv einschätzen, sind sie häufiger selbst aktiv und die Lehrkraft agiert eher reaktiv. Dabei kommuniziert meist eine Seite sachlich-nüchtern und die andere freundlich; gegenseitige Unfreundlichkeit tritt seltener auf. Letzteres gilt auch für Lehrkräfte, zudem sind bei ihnen negativere Beziehungseinschätzungen mit mehr Variation der Interaktionsarten verbunden.
Die Ergebnisse der Untersuchung sind plausibel und bestätigen weitgehend vorliegende Befunde, wenngleich ihre Aussagekraft aufgrund der selektiven Stichprobe begrenzt ist. Vielversprechend ist das erkennbare innovative Potenzial von State Space Grids, um Effekte der variablen Gestaltung von Schule und Unterricht auf Interaktionen sowie deren Zusammenhänge mit Lernbedingungen und Lernerfolgen zu untersuchen.
Nachfolgende Reflexionsfragen sind ein Angebot, die Befunde der rezensierten Studie auf das eigene Handeln als Lehrkraft oder Schulleitungsmitglied zu beziehen und zu überlegen, inwiefern sich Anregungen für die eigene Handlungspraxis ergeben. Die Befunde der rezensierten Studien sind nicht immer generalisierbar, was z. B. in einer begrenzten Stichprobe begründet ist. Aber auch in diesen Fällen können die Ergebnisse interessante Hinweise liefern, um über die eigene pädagogische und schulentwicklerische Praxis zu reflektieren.
Reflexionsfragen für Lehrkräfte
Reflexionsfragen für Schulleitungen
Eine gute Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern (SuS) gilt als wichtige Grundlage für Lehr-Lern-Prozesse. Scherzinger, Roth und Wettstein betonen, dass die Qualität der Lehrkraft-SuS-Beziehung (LS-Beziehung) daher auch in den verschiedenen Modellen zur Unterrichtsforschung als Qualitätsdimension mitgedacht wird. Empirische Befunde belegten positive Auswirkungen einer guten LS-Beziehung auf Lernmotivation, schulische Leistungen und Jobzufriedenheit der Lehrkräfte.
Scherzinger et al. legen dar, dass LS-Beziehungen durch Interaktionen im Unterricht entstehen. Lehrkräfte und Lernende bilden ein soziales System, stehen in wechselseitigem Austausch und führen somit soziale Interaktionen aus. Die LS-Beziehungen beeinflussten sowohl unterrichtliche Interaktion als auch das interpersonale Verhalten.
Im Weiteren beschreiben sie die wissenschaftlichen Bezüge ihrer Untersuchung. Demnach lässt sich die Vielfalt der Interaktionen im Klassenraum anhand eines zweidimensionalen Konzeptes darstellen, das zwischen einer Beziehungs- und einer Lenkungsdimension unterscheidet (z. B. Wubbels & Brekelmans, 2005). Neuere Arbeiten bezeichnen die Dimensionen als Agency und Communion.
Agency – im Sinne der Lenkungsdimension – umfasst das Bedürfnis nach Einfluss und Kontrolle, das sich beispielsweise in Individualität, Dominanz oder Durchsetzungsfähigkeit zeigt. Communion – als Beziehungsdimension – steht für zwischenmenschliche Nähe und umfasst Eigenschaften wie Sozialität, Freundlichkeit und Zugehörigkeit. Hohe Agency bedeutet strukturierte, autonomieunterstützende Führung. Hohe Communion vermittelt Anerkennung und Respekt, was die Regelakzeptanz und Autonomieentwicklung stärkt. Empirische Befunde zeigen, dass Lehrkräfte mit hoher Agency und hoher Communion positive Einstellungen, Engagement und bessere Leistungen bei SuS fördern.
Scherzinger et al. führen an, dass bisherige Forschung sich oft entweder auf das Verhalten der Lehrkräfte oder auf das der SuS konzentriert und überwiegend auf Fragebogendaten basiert. Dabei werde vernachlässigt, dass Interaktionen grundsätzlich wechselseitig seien und dementsprechend sei bisher kaum untersucht, inwiefern Beziehungseinschätzungen der Lehrkräfte und der SuS mit beobachtbaren Interaktionen im Unterricht zusammenhängen.
Anschließend referieren Scherzinger et al. den Forschungsstand. Demnach spielt sich die Mehrheit der pädagogischen Interaktionen im Unterricht in einem neutralen bis positiven Bereich ab. Nach Einschätzung der SuS stehen negative Verhaltensweisen wie Bestrafen, Anschreien oder sarkastische Bemerkungen im Zusammenhang mit einer schlechteren Beziehung. In Klassen mit positiver Beziehungseinschätzung werden häufiger freundliche Interaktionen beobachtet, während in Klassen mit negativer Beziehungseinschätzung unfreundliche Interaktionen überwiegen. Eine größere Variation im interpersonalen Verhalten der Lehrkräfte geht mit einer negativeren Wahrnehmung der LS-Beziehung einher, das heißt, Lehrkräfte, deren Verhalten im Unterricht stärker schwankt, werden von SuS als weniger warmherzig (Communion) und weniger führungsstark (Agency) eingeschätzt.
Scherzinger et al. knüpfen an diesen Forschungsstand an und untersuchen drei Fragestellungen zu den Interaktionen im Unterricht, welche die Dimensionen Agency und Communion betreffen:
Wie hängt die Variation der Interaktionen mit den Einschätzungen zur Qualität der LS-Beziehung aus Sicht der Lehrkräfte sowie der Schülerinnen und Schüler zusammen?
Angenommen wird, dass ein negativer Zusammenhang zwischen der Variation der Interaktionen und der Beziehungseinschätzung aus Perspektive der Lehrkräfte und der SuS besteht.
Stichprobe
Die Datengrundlage der Studie von Scherzinger et al. entstammt dem Forschungsprojekt „Wahrnehmung sozialer Interaktion im Unterricht“, das in der fünften und sechsten Klasse in der Schweiz durchgeführt wurde. Die Auswahl der Klassen erfolgte kriteriengeleitet, basierend auf den Beziehungseinschätzungen der Lehrkräfte und der SuS aus einer vorangegangenen Fragebogenerhebung in 83 Primarschulklassen. Die Einschätzungen der LS-Beziehung wurden nach vier Kategorien differenziert:
Aus diesen Kategorien wurden insgesamt acht Klassen ausgewählt, und zwar aus jeder Kategorie jeweils die beiden Klassen mit den extremsten Werten. Jeder Klasse ist eine Klassen- und eine Fachlehrkraft zugeordnet, sodass insgesamt Daten von 16 Lehrkräften, darunter acht Klassenlehrkräfte (37.5 % weiblich; Alter: M = 41.1, SD = 12.4) und acht Fachlehrkräfte (75.0 % weiblich; Alter: M = 40.6, SD = 8.1), in die Auswertung einflossen. Zudem wurden Daten von insgesamt 126 zugehörigen SuS (42.1 % weiblich; Alter: M = 11.5) ausgewertet.
Fragebogen
Zur Erfassung der LS-Beziehung aus Perspektive der Lehrkräfte und der SuS wurden inhaltsgleiche Fragebögen eingesetzt. Die vierstufige Skala LS-Beziehung umfasste sechs Items (z. B. „Ich mag diese Lehrperson.“, Cronbachs α = .88). Die Urteile der SuS wurden in jeder Klasse aggregiert, das heißt, es wurde ein Klassenmittelwert gebildet. Für die Einschätzung der LS-Beziehung zeigte sich eine moderate Übereinstimmung zwischen den Einschätzungen der SuS, die zur gleichen Klasse gehören. Das bedeutet, dass es einige Ähnlichkeiten in der Wahrnehmung der SuS gibt, aber auch deutliche Unterschiede zwischen den SuS.
Videografie
Im Anschluss an die Befragung wurden die unterrichtlichen Interaktionen erfasst. Dazu wurde jede der 16 Lehrkräfte während einer 45-minütigen Unterrichtsstunde mit zwei GoPro-Kameras und einem Mikrofon aufgezeichnet. Es wurde in den Fächern Deutsch, Mathematik oder Natur-Mensch-Gesellschaft aufgezeichnet.
Kategoriensystem
Zur Analyse der Unterrichtsvideos wurde ein Kategoriensystem entwickelt. In Anlehnung an empirische Vorarbeiten unterscheidet es die Dimensionen Agency und Communion. Agency umfasst fünf Stufen von 1 = sehr passiv (z. B. keine Initiative) bis 5 = sehr aktiv/dominant (z. B. kontrollierend). Communion reicht von 1 = feindlich (z. B. beleidigend) bis 5 = sehr freundlich/kumpelhaft (z. B. distanzlos).
Jede Unterrichtsstunde wurde vierfach analysiert: getrennt nach den Dimensionen sowie nach Lehrkräften und SuS. Codes wurden kontinuierlich auf Basis der fünfstufigen Skalen vergeben bzw. bei Verhaltensänderungen neu gesetzt. Die Codierung durch zwei unabhängige Bewertende erzielte eine gute Übereinstimmung (κ = .65).
State Space Grids
Auf Grundlage der Verhaltenscodierung wurden die Interaktionen zwischen der Lehrkraft und den SuS im Unterricht mithilfe von State Space Grids (SSG) aufbereitet und analysiert. Für jede Klasse wurden mit dem Programm GridWare 1.15 (Lamey, Hollenstein, Lewis & Granic, 2004) zwei SSG für die Dimensionen Agency und Communion erstellt.
SSG gründen auf einem zweidimensionalen Raster. Auf der x-Achse des SSG wird das Verhalten der Lehrkraft verortet, auf der y-Achse das zeitlich synchrone Verhalten der SuS. Das Raster besteht aus 25 Feldern (5 Ausprägungen pro Achse), mit denen die verschiedenen Kombinationen erfasst werden, z. B. repräsentiert die Zelle 53 eine hohe Ausprägung (5) des Lehrkraft-Verhaltens bei gleichzeitig mittlerer Ausprägung des SuS-Verhaltens (3).
Jeder Punkt im Raster zeigt eine Interaktion, wobei die Punktgröße die Dauer angibt (größerer Punkt = längere Interaktion). Wenn sich das Verhalten ändert – zum Beispiel von neutral zu unfreundlich – entsteht ein neuer Punkt in einer anderen Zelle, der mit einem Pfeil verbunden wird.
Dadurch wird der Ablauf der Interaktionen übersichtlich nachvollziehbar und es lässt sich erkennen, wie stabil oder wechselhaft die Interaktionen sind. Die Anzahl der Wechsel und die Vielfalt der besuchten Felder werden durch verschiedene Kennziffern aggregiert, z. B. Zahl der Zellwechsel oder Anzahl besuchter Zellen. Die damit erfasste Variation der Interaktionen gibt Hinweise darauf, wie flexibel oder starr die Kommunikation im Unterricht ist.
Anhand der SSG wurden die Häufigkeitsverteilungen der Interaktionsarten bestimmt (Fragestellung 1) sowie Korrelationen zwischen den fragebogenbasierten Qualitätseinschätzungen der LS-Beziehung und den prozentualen Zellenhäufigkeiten (Fragestellung 2) bzw. den Kennziffern für die Variation der Interaktionen (Fragestellung 3) berechnet.
Wie verteilen sich die Interaktionen für Agency und Communion?
Die Verteilung der pädagogischen Interaktionen im SSG zeigt, dass diese überwiegend neutral bis positiv ausfallen. In etwa 70 % der Fälle zeigen Lehrkräfte und SuS eine mittlere (3) bis hohe (4) Agency, also ein aktives und bestimmendes Verhalten. Bei 32 % der Interaktionen haben die Lehrkräfte etwas mehr Agency als die SuS (Zelle 43), bei 17 % der Interaktionen verhält es sich umgekehrt (Zelle 34). Bei 21 % der Interaktionen fallen die Agency-Werte der Lehrkräfte relativ gering aus im Vergleich zu denjenigen der SuS, so dass sie vergleichsweise passiv agierten, in 2 % der Fälle liegt ihr Wert deutlich höher.
Im Bereich Communion fallen die Interaktionen in 75 % der Fälle sachlich-neutral bis freundlich aus. Unfreundliches Verhalten seitens der SuS tritt in 19 % der Fälle auf, bei den Lehrkräften in etwa 4 %. Feindseliges oder distanzloses Verhalten ist kaum beobachtbar.
Die erste Annahme wird bestätigt: die Interaktionen im Unterricht gestalteten sich überwiegend sachlich bis freundlich und nicht einseitig gesteuert oder kontrolliert.
Wie hängen die Interaktionen mit der Einschätzung der LS-Beziehung zusammen?
Zur Beantwortung dieser Frage wurde untersucht, wie die Dauer der Interaktionen in den Feldern des SSG mit den Beziehungseinschätzungen der Lehrkräfte und der SuS aus den Fragebögen zusammenhängen. Die Korrelationsanalysen wurden getrennt für die Dimensionen Agency und Communion sowie für die Beziehungseinschätzungen aus Sicht der Lehrkräfte und der SuS durchgeführt.
Signifikante Zusammenhänge zwischen der LS-Beziehung und der Dimension Agency zeigen sich nur aus Perspektive der SuS. Je häufiger Lehrkräfte eher reagierend handeln und den SuS etwas mehr Eigenaktivität überlassen (mittlere Agency), desto positiver bewerten die SuS die Lehrer-Schüler-Beziehung (rSuS = .50, p < .05). Andersherum wird die Beziehung aus Schülersicht umso negativer wahrgenommen, je häufiger die Lehrkräfte sehr kontrollierend agieren und die SuS eher passiv bleiben (rSuS = -.50, p < .05).
Die Dimension Communion hängt aus Perspektive der Lehrkräfte und der SuS besonders dann positiv mit der LS-Beziehung zusammen, wenn sowohl Lehrkräfte als auch SuS häufiger sachlich-nüchtern bis freundlich interagieren und beide Seiten eine mittlere bis hohe Communion aufweisen (rSuS = .60, p < .05; rLK = .54, p < .05). Je häufiger jedoch mindestens eine Seite unfreundlich ist, also eine geringe Communion aufweist, umso negativer wird die Beziehung von den SuS bewertet – besonders, wenn beide Seiten unfreundlich sind (eine Partei: rSuS = -.56, p < .05; beide Parteien rSuS = -.80, p < .01). Beidseitiges unfreundliches Verhalten hängt auch aus Sicht der Lehrkräfte negativ mit der Beziehungseinschätzung zusammen (rLK = -.54, p < .05).
Die zweite Annahme wird teilweise bestätigt. Aus Sicht der SuS steht stark kontrollierendes Verhalten (Agency) der Lehrkraft in negativem Zusammenhang mit der Qualität der LS-Beziehung, während gegenseitiges wertschätzendes, freundliches Verhalten (Communion) mit eher positiven Beziehungseinschätzungen einhergeht.
Wie hängt die Variation der Interaktionen im Unterricht mit der Einschätzung der LS-Beziehung zusammen?
Zur Beantwortung dieser Frage wurde die Variation der Interaktionen anhand der Anzahl der Wechsel zwischen den Zellen, dem Zellumfang (Anzahl besuchter Zellen) und der Streuung (Zellumfang in Bezug zur zeitlichen Dauer) bestimmt und mit den Beziehungseinschätzungen korreliert.
Die Beziehungseinschätzung aus Sicht der SuS steht nicht im Zusammenhang mit der Variation des interpersonalen Verhaltens im Unterricht. Anders sieht es bei den Lehrkräften aus: Hier zeigt sich ein signifikanter negativer Zusammenhang zwischen der Beziehungseinschätzung aus Sicht der Lehrkraft und der Vielfalt der pädagogischen Interaktionen. Dies deutet darauf hin, dass Lehrkräfte, die die Beziehung zu ihren SuS als positiver einschätzen, seltener ihre Verhaltensweisen im Unterricht wechseln (z. B. von unterstützend zu kontrollierend).
Dieser Effekt zeigt sich sowohl in Bezug auf die Anzahl der Zellwechsel im SSG für Agency (r = -.60, p < .05) und Communion (r = -.52, p < .05) als auch in Bezug auf die Streuung für Agency (r = -.54, p < .05).
Der Teil der dritten Annahme, nach dem bei den SuS ein Zusammenhang zwischen Beziehungseinschätzung und Interaktionsvariation besteht, kann nicht bestätigt werden. Bei Lehrkräften hingegen schon: Ein eher stabiles, gleichbleibendes Interaktionsverhalten geht mit einer positiveren Beziehungseinschätzung einher.
Zum Hintergrund
Die Studie von Scherzinger et al. greift ein zentrales Thema auf: die Frage nach gelingenden Beziehungen zwischen Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern (LS-Beziehungen). Sie adressiert ein Forschungsdesiderat, indem sie die fragebogenbasierten Beziehungseinschätzungen von SuS sowie Lehrkräften mit beobachtbaren Interaktionen im Unterricht verknüpft und dadurch die Möglichkeit eröffnet, Selbsteinschätzungen durch Beobachtungsdaten zu ergänzen. In den Ausführungen zum theoretischen Hintergrund der Studie wird die bestehende Forschungslücke verdeutlicht und nachvollziehbar dargelegt, warum sowohl die Perspektive der Lehrkräfte als auch der SuS in die Analyse einbezogen werden. Zudem wird durch verschiedene Quellen untermauert, warum die Dimensionen Agency und Communion als theoretisches Rahmenkonzept gewählt wurden.
Zum Design
Das Sampling-Verfahren für den zuvor durchgeführten Fragebogen wird in der Studie selbst nicht eindeutig beschrieben. Ein Verweis auf eine weitere Publikation ermöglicht, dies nachzulesen. Für die Fragebogenstudie wurden alle deutschsprachigen fünften und sechsten Klassen des Kantons Bern zur freiwilligen Teilnahme eingeladen. Dadurch könnte allerdings die Zusammensetzung der Stichprobe durch Faktoren wie z. B. Motivation zur Teilnahme beeinflusst sein.
Die Klassen für die Videostudie wurden anhand festgelegter Kriterien ausgewählt. Hier wird das Samplingverfahren durch die Kategorisierung der Communion und Agency klar dargestellt. Die Klassen wurden als „Extremfälle“ in den Bereichen Communion und Agency ausgewählt. Dies erzeugt eine sehr selektive Stichprobe. Außerdem besteht die Stichprobe lediglich aus 16 Videografien aus je acht Schweizer fünften und sechsten Klassen. Infolgedessen ist die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Klassenstufen sowie das deutsche Bildungssystem möglicherweise eingeschränkt. Vor allem durch das Rechnen mit Klassenmittelwerten ist der Datensatz für die Berechnungen eher klein.
Die Methodik, die bei Scherzinger et al. herangezogen wurde, kann positiv hervorgehoben werden: State Space Grids sind eine fortschrittliche und interessante Methode, welche die Analyse von Interaktionen im Unterricht ermöglicht. Durch die Verknüpfung von unterschiedlichen Datenquellen entsteht eine breite Datenbasis. Die Ergebnisse reichen über eine bloße globale Einschätzung der LS-Beziehung hinaus. Sie bieten Einblicke in die Zusammenhänge zwischen der subjektiv wahrgenommenen Beziehungsqualität aus Perspektive der Lehrkräfte und der SuS mit den pädagogischen Interaktionen im Unterricht.
Zusätzlich werden die eingesetzten Instrumente ausführlich und transparent in der Studie beschrieben und sind von guter Qualität (Cronbachs α = .88). Die Daten wiesen eine ausreichende Übereinstimmung auf, um zu einem Klassenmittelwert zusammengefasst zu werden (ICC = .33). Die Verlässlichkeit des Kategoriensystems wurde anhand der Beurteilung durch mehrere Personen durch den Kappa-Koeffizienten nach Cohen nachgewiesen.
Jedoch sind die gebildeten Korrelationen schwer nachvollziehbar. Es wird nicht eindeutig erkenntlich, wie die Korrelationen zwischen den 25 Feldern mit den prozentualen Zellenhäufigkeiten im SSG zu den 16 Videos gebildet werden. Die korrelativen Analysen lassen einschränkend nur Aussagen zu den Zusammenhängen zwischen der LS-Beziehung und den Interaktionen zu und erlauben keine Aussagen zu Ursache-Wirkung (Kausalzusammenhänge).
Zu den Ergebnissen
Die Ergebnisse zu den Forschungsfragen werden im Ergebnisteil der rezensierten Studie ausführlich erläutert und bestätigen überwiegend die aus dem Forschungsstand abgeleiteten Annahmen. Neue Erkenntnisse liefert die rezensierte Studie insofern, als sie im Vergleich zu vielen vorherigen Studien die Perspektive der Lehrkräfte als auch der SuS in die Analyse der wechselseitigen Interaktionen im Unterricht miteinbezieht. Die Kombination von SSG-Analysen und Fragebogendaten bietet tiefere Einblicke in die Dynamik der LS-Beziehungen und könnte in der Lehrkräftebildung verstärkt genutzt werden.
Scherzinger et al. weisen darauf hin, dass die Ergebnisse die Bedeutung von positiven und konsistenten Interaktionen für die LS-Beziehung unterstreichen. Sie bieten Ansätze zur Reflexion für Lehrkräfte, insbesondere im Umgang mit herausfordernden oder konfliktbeladenen Situationen. Zusätzlich sollen Lehrkräfte ermutigt werden, professionell und besonnen auf negatives Verhalten der SuS zu reagieren, ohne eskalierend oder unfreundlich zu agieren.
Zusammenfassend besteht der Mehrwert der Studie darin, dass der Zusammenhang zwischen der fragebogengestützten Einschätzung der LS-Beziehung mit beobachteten Interaktionen zwischen Lehrkraft und SuS im Unterricht mithilfe einer innovativen Methodik untersucht wurde und die Ergebnisse die bisher vorliegende Befundlage weitgehend bestätigen. Dies liefert tiefere Einblicke für die Förderung und Entwicklung positiver Interaktionen und LS-Beziehungen im Unterricht.
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