Fragestellungen der Studie:

  • Über welche Kompetenzen im Bereich Englisch Sprechen verfügen Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulformen in Jahrgangsstufe 9?

Rezension zur Studie

Nold, G. & Rossa, H. (2007). Sprechen Englisch. In E. Klieme (Hrsg.), Unterricht und Kompetenzerwerb in Deutsch und Englisch. Ergebnisse der DESI-Studie (S. 170-179). Weinheim: Beltz.

Die DESI-Studie (Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International) kann insofern als grundlegend bezeichnet werden, als erstmalig – und bislang mit diesem Aufwand einzigartig – Englischkompetenzen von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9 sowie Qualitätsmerkmale des Englischunterrichts umfassend und differenziert erhoben wurden. Im Rahmen der Studie untersuchen Nold und Rossa, über welche Kompetenzen im Bereich ‚Englisch Sprechen‘ Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Schulformen verfügen.

Etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler erreicht im Kompetenzbereich Englisch Sprechen bereits in Jahrgangsstufe 9 mindestens ein Niveau, das für den mittleren Schulabschluss am Ende der Sekundarstufe I vorgesehen ist, knapp ein weiteres Drittel erbringt Leistungen, die dem Niveau für den Hauptschulabschluss entsprechen. Die übrigen Schülerinnen und Schüler verfügen im Englisch Sprechen in Jahrgangsstufe 9 über höchstens sehr basale und eingeschränkte Grundfähigkeiten. Dabei lassen sich schulformspezifische Schwerpunkte ausmachen: An Hauptschulen verfügen zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler höchstens über basale Grundfähigkeiten. Demgegenüber erreicht an Gymnasien ein Viertel der Schülerinnen und Schüler ein Niveau, das für das Abitur vorgesehen ist, wohingegen diese Anteile an Realschulen (ca. 4 %) und in der integrierten Gesamtschule (ca. 1 %) deutlich geringer ausfallen.

Die Ergebnisse basieren auf einer für Deutschland repräsentativen Stichprobe und besitzen insofern hohe Aussagekraft. Das Testkonstrukt berücksichtigt curriculare Vorgaben sowie die internationalen Standards des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens. Somit lassen sich die Schülerleistungen einerseits im Hinblick auf die curricularen Vorgaben bewerten und andererseits in einem international gültigen Bezugssystem verorten. Allerdings ist unklar, inwiefern die Befunde heute noch Gültigkeit besitzen, da die Erhebungen im Jahr 2004 stattfanden.

Die Kultusministerkonferenz gab 1999 eine bundesweit repräsentative Untersuchung der sprachlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in Jahrgangsstufe 9 in den Fächern Deutsch und Englisch in Auftrag („Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International“, DESI, vgl. Klieme & Beck 2007, Klieme 2008). Ziele waren zum einen, auf der Basis belastbarer empirischer Daten den Leistungsstand der SuS zu erheben, und zum anderen, Erklärungsansätze für mögliche Leistungsunterschiede zu finden. Diese Erkenntnisse sollten in zukünftige Entscheidungen zu bildungspolitischen Steuerungsmaßnahmen einfließen und empirisch abgesichert Facetten eines guten Englischunterrichts aufzeigen.

Im Rahmen von DESI gehen Nold und Rossa (2008) der Frage nach, über welche Kompetenzen im Bereich ‚Englisch Sprechen‘ Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Schulformen verfügen. Bis zur DESI-Studie erfolgte eine empirische Wirkungsforschung im Fach Englisch eher punktuell und häufig in Form von qualitativen Einzelfallstudien. Die DESI-Studie ist daher die erste – und bislang einzige – groß angelegte quantitative Studie in Deutschland, mit der Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern in Englisch überprüft und gleichzeitig Qualitätsmerkmale von Englischunterricht umfassend und differenziert untersucht werden.

Für die Entwicklung der Sprachtests wurden relevante Diskurse aus der Zweit- und Fremdsprachenerwerbsforschung, insbesondere die lernpsychologische sowie die linguistisch-psycholinguistische Richtung, aufgegriffen und mit Blick auf das Testkonstrukt Sprechen ausgeschärft (vgl. Nold & De Jong 2008). Neben schulischen Curricula wird der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprache (GER) insofern berücksichtigt, als die GER-Niveaustufen bei der Beschreibung sprachlicher Anforderungsmerkmale der Testaufgaben im Bereich der mündlichen Sprachproduktion Verwendung finden (A1-A2: elementare Sprachverwendung, B1-B2: selbständige Sprachverwendung, C1-C2: kompetente Sprachverwendung).

Das Testkonstrukt für die Kompetenz Englisch Sprechen umfasst monologisches sowie interaktives Sprechen und sieht die Bewältigung folgender Anforderungen vor:
• Kurzantworten geben
• Verständnis signalisieren
• Verfügbarkeit von lexikalischen Redemitteln
• Aktivierung von mehr oder weniger automatisierten grammatischen Redemitteln
• Phonetisch-phonologisch korrekte Artikulation
• Flüssigkeit der Rede

Dabei werden folgende Analysekriterien unterschieden:

• Aussprache
• Sprechflüssigkeit
• Grade der Korrektheit bei wörtlichem Nachsprechen/Satzbildung
• Qualität von Wortschatzkenntnissen beim Hörverstehen
• inhaltliche Richtigkeit bei Kurzantworten
• unterschiedliche Qualität

Die DESI-Studie folgt einem aufwendigen Untersuchungsdesign. Zum einen wurden rezeptive und produktive sprachliche Kompetenzen der SuS querschnittlich zu Beginn und teilweise zusätzlich längsschnittlich am Ende der 9. Jahrgangsstufe getestet. Der Kompetenzbereich Englisch Sprechen wurde allerdings nur zum zweiten Messzeitpunkt abgedeckt, längsschnittliche Daten liegen deshalb nicht vor. Erfasst wurde die Kompetenz Englisch Sprechen durch einen computergesteuerten Test (SET-10, leicht adaptiert): Das computergesteuerte Testprogramm besteht aus fünf Teilen mit insgesamt 53 Aufgaben. Dabei sollen die SuS auf mündliche Anweisungen innerhalb eines Telefongesprächs reagieren, unterschiedlich komplexe Äußerungen wörtlich wiederholen, Kurzantworten geben sowie frei antworten. Die Kompetenzen der SuS werden in Anlehnung an den GER auf sechs Niveaustufen verortet.

Stichprobe: An der DESI-Studie in Deutschland nahmen ca. 11.000 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 an 219 allgemeinen allgemeinbildenden Schulen teil. Die Anzahl der Schulen mit bilingualem Zweig beläuft sich auf N = 40. Den computergestützten Test zur Erfassung der Kompetenz Englisch Sprechen bearbeiteten – aus Gründen der Forschungspraktikabilität – 1.870 Schülerinnen und Schüler.

Stichprobenziehung: Per Zufallsstichprobe wurden 180 Schulen sowie weitere 40 bilinguale Schulen gezogen. Die Anzahl der Schulen je Bundesland wurde proportional zur Anzahl der Schülerinnen und Schüler in Jahrgangsstufe 9 verteilt; Schulen in kleineren Bundesländern stellten also einen kleineren Teil der Stichprobe als in größeren. Im Fall der bilingualen Schulen erfolgte eine Gewichtung aufgrund möglicher Überrepräsentation durch die Adjustierung nach Bundesland (1) und auf Schulebene (2). Auch auf Ebene der Klassen der gezogenen Schulen wurde eine Zufallsstichprobe vorgenommen, indem aus allen Klassen der Jahrgangsstufe 9 jeweils zwei pro Schule ausgewählt wurden. Im Sample befanden sich nach diesem Prozess 219 Schulen, von denen eine nicht teilnahm.
Für die Testung im Kompetenzbereich Englisch Sprechen wurden per Zufallsziehung aus jeder beteiligten Klasse bzw. aus jedem Kurs jeweils drei Mädchen und drei Jungen (+ möglichen Ersatz) ausgewählt. Eine Gewichtung erfolgte durch Modifikation des Schüler-Faktors auf Klassenebene, da die Auswahlwahrscheinlichkeit je nach Größe der Schule und Klasse für die einzelnen Schülerinnen und Schüler unterschiedlich war. Aufgrund von Ausschlusskriterien nahmen 0,7 % der Schülerinnen und Schüler nicht teil. Dies waren Schülerinnen und Schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, mit körperlicher Beeinträchtigungen bei der Testteilnahme und Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweit-/Drittsprache, die weniger als ein Jahr den Deutschunterricht besucht hatten.

Gütekriterien: Zur Sicherung von Konstruktvalidität wurden die Testaufgaben mittels Expertenreviews überprüft. Darüber hinaus wurde das Testformat des SET-10-Tests durch eine zusätzliche Interventionsstudie mit drei Klassen der Jahrgangsstufe 9 (n = 60) validiert. Es zeigte sich, dass ein Testtraining keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die Testergebnisse hatte. Im Hinblick auf die offenen Aufgabenformate wurden Beurteilerschulungen durchgeführt und Doppelbeurteilungen von ausgewählten Items (ca. 10%) vorgenommen, um Objektivität und Reliabilität zu optimieren.

Im Kompetenzbereich Englisch Sprechen erreichen am Ende der Jahrgangsstufe 9 zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler mindestens das Niveau A2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprache (GER), der von der KMK als Erwartungshorizont für die Hauptschule bestimmt wurde. Sie können sich in einfachen Sätzen über alltägliche Situationen im Englischen verständigen.

In der Hauptschule erreichen ca. ein Drittel der Schülerinnen und Schüler einerseits zwar das Niveau A2, zum Teil mit Anteilen von B1, andererseits bleiben aber 16 % der Schülerinnen und Schüler unter Niveau A1. Dieser Anteil (< A1) beläuft sich in der integrierten Gesamtschule auf 12 %, in der Realschule auf 3,5 %, im Gymnasium ist er nicht vorhanden.

Knapp ein Drittel der Schülerinnen und Schüler erreicht über alle Bildungsgänge verteilt das Niveau B1, das dem mittleren Schulabschluss zugewiesen wird. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Testung ein Jahr vor dem Erreichen des mittleren Schulabschlusses stattfand. Im Gymnasium wird das Niveau B1 von 74 % der Schülerinnen und Schüler erreicht, im Bildungsgang Realschule von 27,8 % der Schülerinnen und Schüler, in der integrierten Gesamtschule von 10,6 % der Schülerinnen und Schüler.

In der Leistungsspitze erreichen 8,9 % der Schülerinnen und Schüler das Niveau B2 des GER und höher – ein Anforderungsniveau, das der gymnasialen Oberstufe oder sogar Muttersprachlern zugerechnet wird. Die Mehrheit dieser Schülerinnen und Schüler durchläuft die gymnasiale Schullaufbahn.

Die Unterschiede im Leistungsspektrum sind in Gymnasien zwischen einzelnen Schulen am größten. Dagegen weisen unterschiedliche Hauptschulen die geringsten Unterschiede zwischen einzelnen Schulen auf.

Die DESI-Studie ist die erste – und bislang einzige – groß angelegte quantitative Studie, in der Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 in Deutsch und Englisch anhand einer für Deutschland repräsentativen Stichprobe überprüft und gleichzeitig Qualitätsmerkmale von Englischunterricht umfassend und differenziert untersucht werden – ohne einen einfachen Kausalzusammenhang zwischen dem Lehrerhandeln und den Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler aufzumachen, der den Einfluss von Drittvariablen (z. B. Vorkenntnisse der Schülerinnen und Schüler, Klassengröße) außer Acht lässt. Angesichts der sehr umfangreichen Studie mit unterschiedlichen Teilprojekten und Zielstellungen wäre in den DESI-Sammelbänden eine Übersicht wünschenswert, die die einzelnen Erhebungsschritte, Stichproben und Erhebungsinstrumente anschaulich darstellt.

Nold und Rossa untersuchen im Rahmen der DESI-Studie die Schülerleistungen im Kompetenzbereich Englisch Sprechen an verschiedenen Schulformen. Die Englischtests hierfür wurden vor dem Hintergrund des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen entwickelt und ihr Einsatz in der DESI-Studie liefert repräsentative Daten für Deutschland über das Erreichen dieser Standards, die zuvor nicht empirisch untersucht und validiert wurden. Somit sind die Erhebungsinstrumente der DESI-Studie gerade auch im Sinne einer Grundlagenforschung sinnvoll gewählt.

Die DESI-Studie zeigt einerseits, dass im Kompetenzbereich Englisch Sprechen vor allem an Gymnasien eine starke Leitungsspitze besteht, deren Leistungen deutlich über das in Jahrgangsstufe 9 curricular geforderte Niveau hinausgehen. Andererseits liegen die Leistungen eines beträchtlichen Teils der Schülerinnen und Schüler, insbesondere in der Hauptschule, teilweise unter den Erwartungen und sogar unterhalb vom minimalen Anforderungsniveau A1.
Es ist davon auszugehen, dass sich die Ausgangssituation in den Jahren nach der DESI-Erhebung vermutlich verändert hat, weshalb die DESI-Ergebnisse möglicherweise nicht mehr aktuell sind. Daher wäre es wünschenswert, wenngleich sehr aufwendig, die Studie zu wiederholen, um mögliche Entwicklungen bzw. Veränderungen aufzuzeigen.

Nachfolgende Reflexionsfragen sind ein Angebot, die Befunde der rezensierten Studie auf das eigene Handeln als Lehrkraft oder Schulleitungsmitglied zu beziehen und zu überlegen, inwiefern sich Anregungen für die eigene Handlungspraxis ergeben. Die Befunde der rezensierten Studien sind nicht immer generalisierbar, was z. B. in einer begrenzten Stichprobe begründet ist. Aber auch in diesen Fällen können die Ergebnisse interessante Hinweise liefern, um über die eigene pädagogische und schulentwicklerische Praxis zu reflektieren.

Reflexionsfragen für Lehrkräfte:

  • Welche Vorstellungen und welche Zielorientierung habe ich als Lehrkraft im kommunikativen Englischunterricht?
  • Wie können Lerngelegenheiten aussehen, die den Sprechanteil der SuS im Englischunterricht erhöhen?
  • Wie kann ich als Lehrkraft in meinem Englischunterricht die SuS sprachlich aktivieren?
  • Welche Formen der Unterstützung setze ich als Lehrkraft in meinem Englischunterricht ein, um die kommunikativen Kompetenzen der SuS zu fördern?
  • Welche Kompetenzniveaus aus der DESI-Studie könnte meine Klasse abbilden?
  • Gibt es in meiner Fachschaft einen Austausch über Möglichkeiten, den SuS mehr Sprechgelegenheiten zu geben?
  • Vereinbare ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen Beobachtungsaufträge, die sich aus den Ergebnissen der Studie ableiten lassen, z. B. Erhöhung des Sprechanteils?

Reflexionsfragen für Schulleitungen:

  • Welche Möglichkeiten des kommunikativen Austauschs eröffne ich den Fachkollegien?
  • Welche Hinweise zu den Untersuchungsergebnissen gibt es in den schulinternen Lehrplänen?
  • Welche Ressourcen haben die Fachkollegien, einzelne Aspekte der Untersuchung in schulinterne Lehrpläne zu integrieren, z. B. die Vielfalt kommunikativer Handlungssituationen im Englischunterricht zu erhöhen?
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Diese Rezension wurde erstellt von:
Roters, Bianca, Dr., Referentin für Fremdsprachen an der Qualitäts- und UnterstützungsAgentur – Landesinstitut für Schule (QUA-LiS NRW), Soest. Arbeitsschwerpunkte: Kooperation mit Wissenschaft, Transfer von Forschungswissen, inklusiver Englischunterricht

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